Psychologie statt Action

Neue Krimis von Karin Fossum und Håkan Nesser

Seit Henning Mankells Siegeszug durch die deutschen Bestsellerlisten werden wir mit skandinavischen Kriminalromanen geradezu überflutet - kein Wunder, dass längst nicht jeder Titel gleich eine neue Welle auslöst.

Eine der wirklich lesenswerten neuen Krimiautorinnen ist die Norwegerin Karin Fossum, die es meisterhaft versteht, psychologisch motivierte Plots literarisch anspruchsvoll in ihren Thrillern zu erzählen. Ihre Lieblingsschauplätze liegen abseits der norwegischen Metropolen, so das kleine Fjorddorf Horgen (Fremde Blicke), in dem der Mord an der fünfzehnjährigen Annie Holland die gesamte Dorfbevölkerung aus ihrer Idylle reißt. Auch in Fossums neuestem Werk »Wer hat Angst vorm bösen Wolf« wird die alte Bäuerin Halldis auf einem abgelegenen Hof ermordet. Ausgerechnet der Dorftrottel Erkki, der zur Tatzeit am Hof gesehen wurde, wird am nächsten Tag Geiselopfer bei einem Banküberfall, was die Ermittlungen nicht wenig verstrickt.

Selbst im psychologisch raffiniertesten Roman »Evas Auge« bricht Eva Magnus, eine alleinerziehende Mutter und erfolglose Malerin, aus der Stadt aus, nachdem sie unsichtbare Zeugin des Verbrechens an ihrer alten Jugendfreundin geworden ist - diese lebt als Edelprostituierte ein Leben in Luxus, bis ein Freier sie im Bett ermordet. Hin- und hergerissen zwischen der Verlockung auf Majas Erbe und dem Wunsch nach Rache gerät Eva in einen Strudel, dem sie kaum noch entrinnen kann. Die Spur führt sie in die Einsamkeit von Majas Ferienhaus im Fjell.

In allen drei Fällen läßt Karin Fossum ihren Kommissar Konrad Sejer ermitteln, einen eigentlich stinknormalen, unauffälligen, aber irgendwie auch sympathischen Menschen mittleren Alters, der sich bei seinen Ermittlungen auf seine Intuition verläßt und damit ans Ziel kommt.

Ob der in Schweden hochgelobte Håkan Nesser auch bei uns ähnliche Erfolge feiern wird, bleibt noch abzuwarten. Ein Manko für deutsche Leser könnte dabei das fehlende skandinavische Lokalkolorit sein, auf das Nesser bewusst verzichtet. Seine Krimi-Serie um Inspektor Van Veeteren, einen genussfreudigen, inzwischen getrennt lebenden Liebhaber klassischer Musik (und damit Mankells Wallander nicht unähnlich), siedelt Nesser an fiktiven Orten in den Niederlanden an. So sucht die Polizei des kleinen Küstenortes Kaalbringen Van Veeterens Unterstützung, nachdem gleich drei Männer grausam umgebracht wurden. Ob es Van Veeteren gelingt, das vierte Opfer vor dem Tod zu bewahren, scheint ein Wettlauf mit der Zeit zu sein.

Eine Mordserie entwickelt sich auch in »Das grobmaschige Netz«, das bereits 1993 als bestes Krimidebüt Schwedens ausgezeichnet wurde. Hartnäckig verfolgt Van Veeteren hier scheinbar aussichtslose Spuren, nachdem der Lehrer Janek Mitter nach durchzechter Nacht und völligem Gedächtnisschwund morgens aufwacht und seine Frau tot in der Badewanne findet. Nessers Erzähltalent liegt eindeutig in der Gestaltung der Dialoge, die mit sparsamsten Mitteln die Figuren eindrucksvoll charakterisieren. (ms)

  • Karin Fossum:
    Evas Auge (1997, DM 14);
    Fremde Blicke (1999, DM 16,90),
    Wer hat Angst vorm bösen Wolf? (2000, DM 38 / sFr 35),
    alle drei erschienen im Pieper Verlag, München. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.

  • Håkan Nesser:
    Das grobmaschige Netz (1999, DM 15), aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
    Das vierte Opfer (2000, DM 36,90 / sFr 34), aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, beide erschienen bei btb, Goldmann Verlag.


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